Viel gravierender als vorstehend für Utopisten
oder Weltmissionionare fällt die Ignoranz im Nachbeten im [[ linking
to ]] folgenden aus:
Fritz Fischer: Der letzte Polyhistor,
1996
Jahrtausendelang waren den Menschen weniger
als 10 Prozent der Erdoberfläche bekannt, nun [nach Maghellans
Weltumsegelung] kannte man [?] plötzlich
mehr als die Hälfte. Neue Karten suchten das neue Weltbild zu fassen:
Martin
Waldseemüller, Peter Apian, Benedett Bordone schufen
sie. Aber erst der aus Flandern stammende deutsche Kartograph Mercator
schlug mit seiner Erdkarte [!: ad usum navigantium] 1569
die nächste Seite im Buche der Geschichte unseres geographischen Weltbildes
auf. [Eigentlich schlug Mercator zu diesem Zeitpunkt nur
eine neue Seite im Geschichtsbuch der Kartographie auf, aber so
weit, so gut.]
Eigentlich für Seefahrer gemacht, entsprach
seine Erdkarte der Gesinnung des anbrechenden Zeitalter der Euorpäisierung
der Erde: Deutschland stand vergrößert im optischen Mittelpunkt
der Welt [s.w.o.], obwohl dieses kleine Land
in Wahrheit im nördlichsten Viertel der Erde liegt; ganz Europa, die
Welt des weißen Mannes [und der weißen Frau],
war auf ihr übermäßig groß dargestellt; die Länder,
in denen die farbigen Völker zuhause sind, waren verkleinert in der
unteren Hälfte der Karte abgebildet, obwohl sie überwiegend in
der nördlichen Erdhälfte zuhause sind.
So prägte die Mercatorkarte unser Weltbild
bis in die Gegenwart hinein - auch das Weltbild der außereuropäischen
Völker, die machtpolitisch, wirtschaftlich und kulturell von Europa
beherrscht wurden. ...
Vor 400 Jahren, 1594
[?], ist der Mercator-Atlas erschienen, von
dessen 90 Karten 53 Karten Europa zeigten.
Fischer schreibt auch noch falsch ab: Peters
hatte wenigstens korrekt von 51 Karten Mitteleuropas geschrieben.
Peters nimmt in seinem UN-Buch
(139) einzig und allein auf ?"drei Bände" von 1585
bis zum Atlas von 1595
Bezug:
"Und wie sah das Weltbild Mercators aus? 51 Karten
von Deutschland, Belgien und Frankreich füllten den ersten Band, 21
Karten von Italien, vom Balkan und von Osteuropa den zweiten, 18 Karten
von England, Skandinavien und vom Polargebiet den ?dritten."
Rechne ich noch Rumolds Europakarte dazu, gibt es im Atlas
von 1595 - sozusagen in der "gebundenen
Ausgabe" der drei von Peters unterstellten Bände - 103
europa-thematische
Karten, - die Zahl 90 ist in jedem Falle bei beiden falsch: Der
Atlas
von 1595 enthält 107 Karten,
der von 1602 108. Beiden Historikern
bleibt der Vorwurf nicht erspart, aus Vorsatz - Sire, Sie sind ein Ideologe!
- Falsches in die Welt zu setzen: Außer der Globular-Weltkarte,
der Europa- wie der Polar-Karte
Rumolds und den Erdteilkarten seiner Neffen enthält das Atlas-Werk
nur
Detail-Europa-Karten, aber das wissen beide offenbar nicht. Auch das Warum?
scheint ihnen unbekannt zu sein.
Und so wird dann die Frage erlaubt sein:
Wieso macht das kartographische Lebenswerk Gerhard
Mercators ein "Weltbild" aus?
Etwas anders liegen die Verhältnisse, wenn man die Atlas-Ausgabe
des Judocus Hondius von 1606
betrachtet: Hondius hatte 1604
das Atlasmaterial ersteigert und tauschte nun den Sockeltitel von 1595:
Gerardo
Mercatore Rupelmundano, ... . Cum Privilegio. gegen eine Beschreibung
seiner Verlegertätigkeit aus:
Inzwischen um sehr viele Kupferstich - [Detail-] Karten von Spanien,
Africa, Asien und America vermehrt, illustriert und zuende gebracht
durch Judocus Hondius. |
Hinzugefügt wurden auch erhellende und
sehr genaue Beschreibungen zu den Karten - außer zu den von Mercator
erstellten - durch den Fleiß und die Arbeit von Petrus Montanus. |
.
Für Hondius gab es nunmehr sechs Erdteile: Mercator
wollte die Existenz von dreien beweisen.
An Detailkarten waren hinzugekommen: 4 von Afrika, 11 von Asien und
5 von Amerika - abgesehen von weiteren 13 europa-orientierten (!) Karten
und 4 neuen Erdteilkarten.
Aber so wie Peters / Fischer den Mercator-Atlas
von 1595 nicht eingesehen haben, so
haben sie gewiß auch nicht den Mercator-Hondius-Atlas von
1606
bzw. noch viel weniger die Atlanten von 1607ff.
zur Kenntnis genommen.
... "Arno Peters est sans doute le cartographe
le plus célèbre du XX siécle". (Larousse)
Im Aufrage der UN-Universität hat
Arno
Peters dann die herkömmliche europazentrische Kartographie einer
systematischen Untersuchung unterzogen und die ihr zugrundeliegenden Lehrmeinungen
in einem theoretischen Werk widerlegt. [Wenn
das in dem Buch von 1983:
Die
neue Kartographie geschehen sein soll,
dann ist allerdings zu sagen, daß dieses "theoretische Werk" - abgesehen
von den rein historischen Aussagen - fast nur aus Behauptungen und betreffenden
Ableitungen aus solchen besteht : Lehrsätze der Karto-Mathematik
werden widerlegt, indem ihnen einfach widersprochen wird.]
Nach herkömmlicher Auffassung gab es nur zwei Kartenqualitäten:
Winkeltreue und Flächentreue, und eine Kartenprojektion konnte entweder
flächentreu oder winkeltreu sein, aber sie konnte nicht beide Eigenschaften
in sich vereinigen, weil diese einander ausschließen. Auf diesem,
zum Axiom gewordenen Lehrsatz beruhte die kartographische Lehrmeinung seit
zwei Jahrhunderten.
Die Kartographen leiteten daraus ihre Aufgabe
ab, für jeden Karteninhalt eine besonders geeignete Kartenprojektion
zu schaffen, die dann entweder winkeltreu oder flächentreu war, meist
aber vermittelnd, worunter die Kartographen eine Projektion verstanden
[verstehen],
die zwischen winkeltreuer [evtl. auch abstandstreuer]
und flächentreuer Karte "vermittelte", also weder flächentreu
noch winkeltreu [noch (überall) abstandstreu]
war.
Und was sagt die Kartographie? "Das sog. Mischen von Karten
beruht auf der Kombination zweier oder mehrerer bekannter Entwürfe.
Eine solche Kombination ist meist linear und entspricht im wesentlichen
einer Mittelwertbildung der Abbildungsfunktionen oder der Bildkoordinaten
der Ausgangsentwürfe."
Die Mischkarte von Winkel (1913)
z.B. entsteht über das arithmetische Mitteln der Bildkoordinaten des
umbezifferten abstandstreuen Azimutalentwurfs von Aitoff
und des abstandstreuen Zylinderentwurfs. Und die Mischkarte Eckert
V entsteht aus der "Ver-Mittlung" des flächentreuen Zylinderentwurfs
von Sanson und des abstandstreuen Zylinderentwurfs. (Wen
hatte Fischer wohl mit seiner "Winkeltreue" im Blick? Denn:)
Die !einzige
Erdkarte, der die Kartographen die Eigenschaft der Winkeltreue zusprachen
[falsch],
war die Mercatorkarte, was der Mercatorkarte ?half,
sich bis tief in unser Jahrhundert hinein als verbreiteste Erdkarte zu
behaupten.
Den Lambertschen flächentreuen
Zylinderentwurf mit abweitungstreuem Äquator hat Peters nur
"beiherspielend", Fischer offenbar nicht zur Kenntnis genommen.
Arno Peters hat in seinem Buche
?mathematisch bewiesen [in
der Neuen Kartographie
von 1983
kommen keine mathematischen Ableitungen vor],
daß auch die Mercatorkarte nicht winkeltreu im eigentlichen Wortsinne
ist,
Was heißt das genau? "Im eigentlichen
Sinne"? Abgesehen von der Unbestimmtheit des folgenden, was ist mit den
"zwei Strahlen" auf der ?Erdoberfläche für eine Vorstellung verbunden,
- auf der Mercatorkarte sind womöglich die Loxodromen gemeint?
Hier
ergibt nach der Auflösung der Unbestimmtheit durch genauere Koordinatenvorgaben
der von zwei Loxodromen eingeschlossene Winkel als Differenz
aus den "Kursen".
daß also der Kartenwinkel mit dem entsprechenden
Winkel auf der Erdoberfläche nicht übereinstimmt. So haben etwa
zwei Strahlen, die von Island nach Spanien und nach Alaska laufen, auf
der Erdoberfläche einen Winkel von 170 Grad, auf der Mercatorkarte
aber einen Winkel von 105 Grad. [Im Link
Differenz erhärtet sich die Vermutung, daß mit den "Strahlen"
Tangenten an Hauptkreise gemeint sind.] Durch
mehrere solcher Beispiele entkräftete Arno Peters die von Mercator
selbst erhobene Behauptung, seine Karte sei winkeltreu. Dadurch beschleunigte
er die Verdrängung der Mercatorkarte, die sich durch ihre Unfähigkeit
zur Abbildung der Polregionen seit der
?Entdeckung
von Nord- und Südpol endgültig überlebt hatte.
Zumindest Fischer hat die Karte
AD
USUM NAVIGANTIUM wie das Atlas-Werk
nie in seinen Händen gehalten: Um zu erkennen, daß die "Unfähigkeit"
der Karte von 1569
von Gerhard Mercator schon zutreffend verstanden worden ist, zitiere
ich den vollständigen Text Mercators (Kartenausschnitt 31:
siehe Ad usum navigantium Legende
6):
In subjectam septentrionalis
descriptionem
Cum in polum extendi
tabula nostra non posset, latitudinis gradibus tandem in infinitum excurrentibus,
et decriptionis aliquid haud quaquam negligendae sub ipso septentrione
haberemus, necessarium putavimus extrema descriptionis nostrae hic repetere
et reliqua ad polum annectere. Figuram sumpsimus quae illi parti orbis
maxime congruebat, quaeque situm et faciem terrarum qualis in sphaera esset,
redderet. Quod ad descriptionem attinet, eam nos accepimus ex Itinerario
Jacobi Cnoyen Buscoducensis, qui quaedam ex rebus gestis Arturi Britanni
citat, majorem autem partem et potiora a sacerdote quodam apud regem Norvegiae
anno Domini 1364 didicit. Descenderat is quinto gradu ex illis quos Arturus
ad has habitandas insulas miserat, et referebat anno1360 Minoritam quendam
Anglum Oxoniensem mathematicum in eas insulas venisse, ipsique relictis
ad ulteriora arte magica profectum descripsisse omnia, et astrolabio dimensum
esse in hanc subjectam formam fere uti ex Jacobo collegimus. Euripos illos
4 dicebat tanto impetu ad interiorem voraginem rapi, ut naves semel ingressae
nullo vento retroagi possint, neque vero unquam tantum ibi ventum esse
ut molae frumentariae circumagendae sufficiat. Simillima his habet Giraldus
Cambrensis in libro de mirabilibus Hiberniae; sic enim scribit: Non procul
ab insulis (Ebudibus, Islandia etc.) ex parte boreali est maris quaedam
miranda vorago, ad quam a remotis partibus omnes undique marini fluctus
tanquam ex conducto confluunt et concurrunt, qui in secreta naturae penetralia
se ibi transfundentes quasi in abyssum vorantur; si vero navem hanc forte
transire contigerit, tanta rapitur et attrahitur fluctuum violentia, ut
eam statim irrevocabiliter vis voracitatis absorbeat. |
Über die hier weiter unten stehende Karte
des Nordens
Da unsere Karte nicht bis zum Pol ausgeführt
werden konnte, weil die Breitengradunterschiede schließlich ins Unendliche
zunehmen, wir aber etwas durchaus Beachtliches von der Darstellung am Nordpol
selbst hatten, hielten wir es für nötig, das obere Ende unserer
Darstellung hier zu wiederholen und den Rest bis zum Pol hinzuzufügen.
Wir nahmen denjenigen Entwurf, der jenem Teil des Erdkreises am ehesten
entsprach und der die Lage und das Aussehen der Länder, wie
es auf der Erdkugel wäre, wiedergab. Was die Darstellung anbetrifft,
so haben wir sie aus dem Reisebericht des Jakob Knoyen aus 's-Hertogenbosch,
der einiges von den Unternehmungen des König Arthur zitiert, den größeren
Teil jedoch und zwar das Wichtigere von einem gewissen Priester erfuhr,
der im Jahre 1364 in Diensten des norwegischen Königs stand. Dieser
stammte im fünften Grad von jenen ab, die Arthur auf diesen Inseln
angesiedelt hatte, und berichtete, im Jahre 1360 sei ein bestimmter Minorit
aus Oxford, ein Mathematiker, auf diese Inseln gekommen, habe diese
aber verlassen und sei auf wundersame Art zu entlegeneren Gegenden
vorgestoßen, habe alles mit einem Astrolabium etwa in der unten folgenden
Form ausgemessen, wie wir es von Jakobus übernommen haben. Er behauptete,
daß die Wasser dieser vier Meeresarme mit einer so starken Strömung
zu einem inneren Schlund gerisssen werden, daß Schiffe, wenn sie
erst einmal da hineingeraten sind, durch keinerlei Wind wieder zurückgetrieben
werden können, daß aber niemals ein so starker Wind wehe, daß
er ausreichte, um [die Flügel] eine[r] Getreidemühle zu
drehen. Ganz Ähnliches hat Giraldus Cambrensis in seinem Buch Über
die Wunder Irlands; er schreibt nämlich folgendes: Nicht weit
von den Inseln (Hebriden, Island, etc.) liegt nach Norden hin ein wunderbarer
[d.i. riesiger] Meeresschlund, zu dem aus den entlegenen Teilen von überall
her alle Meeresfluten wie infolge einer Hinführung zusammenströmen
und sich vereinigen und gleichsam in einen Strudel hinabgerissen werden,
indem sie sich dort in die geheimnisvollen Tiefen der Natur ergießen;
sollte aber ein Schiff einmal diesen überqueren wollen, wird es von
solcher Gewalt der Fluten erfaßt und mitgerissen, daß es mit
ungeheurer Gefräßigkeit sofort unwiderruflich verschlungen wird. |
.
Es bleibt eben das Mißverständnis des "kartographischen
Denkgebäudes" von Arno Peters und seinen Nachbetern, daß
sie
(a) das "kartographische Denkgebäude" Gerhard Mercators
- dokumentiert in der Karte AD USUM NAVIGANTIUM
(1569) wie im Atlas
von 1595 - nicht verstanden haben -
eigentlich mut-willig mißverstanden haben,
(b) wegen fehlender Kenntnisse - oder fehlenden guten Willens - die
Winkeltreue des Mercator-Entwurfs nicht erkennen können,
(c) deswegen aber auch nicht den Unterschied zwischen orthodromen und
loxodromen Richtungsunterschieden erfassen bzw. begreifen können,
(c) und wegen fehlender mathematikgeschichtlicher Kenntnisse nicht
wissen, daß zum Beispiel H. Lambert (1728-1777)
- und damit vermutlich schon Archimedes (287-212)
- seinen flächentreuen Entwurf mit jenen
zwei Eigenschaften ausgestattet hat, die Arno
Peters in der Mercatorkarte gefunden hat(te): die Achstreue (das heißt:
Norden liegt genau senkrecht über jedem Punkte der Karte) und Lagetreue
(was bedeutet, daß Orte gleicher Klimalage [!] auf
einer parallel zum Äquator verlaufenden Geraden liegen).
.
Ich habe an anderer Stelle die
Archimedes/Lambert-Karte
als die mater aller normalachsigen echten flächentreuen Zylinderabbildungen
bezeichnet.
Die Peterskarte mit ihren
zwei abweitungstreuen Breitenkreisen entsteht aus dem normalen Lambert-Entwurf
- auf die einfachste Weise - durch Multiplikation bzw. Division der Abbildungsgrößen
mit cos(j0) (die Flächentreue
muß ja erhalten bleiben) - j0
sei die geschnittene Breite . |
Lambert-Peters-Vergleich
w
|