Brief an einen Peters-Fan 
Düsseldorf, den 18.11.1997


Herrn D. 91004 Erlangen 

Sehr  geehrter Herr D.! 

Ich habe seit langer Zeit keinen Brief oder überhaupt eine Nachricht erhalten, der/die so - verzeihen Sie mir meine Offenheit - chaotisch strukturiert war, wie der/die Ihre vom 12.11.97 (Poststempel) es ist. 

Da ich die Art des Denkens, die sich in den wenigen Gedankenfetzen Ihres Briefes kundtut, aber schon dreimal kennengelernt habe: 

  • in den Köpfen und Herzen meiner Schülerinnen und Schüler in den vermeintlichen Aufbruchsjahren 1968ff
  • im sogenannten Widerstand gegen den NATO-Doppelbeschluß und schließlich 
  • am Tage des Beginns des Golfkrieges, 
möchte ich Ihnen dennoch antworten, obwohl alle, die ich an Ihren Gedanken habe teilnehmen lassen, mir davon abgeraten haben, - aber so denkt ein ehemaliger Philosophielehrer eben anders als die anderen. 

Die >Welt von Epson< [gemeint ist eine Darstellung von Niederlassungen der Firma in einer Mercatorkarte] nehmen nur wenige Leute - und dann konsequenzenlos für ihr Handeln - wahr. Die >Welt der Tagesschau< [in der Gestalt von 1997] kommt in der Köpfen der  Zuschauer auch nicht so an, wie Sie sich das vorstellen - ohne Ihre Vorstellung in Worten auszudrücken. 

Fragen Sie doch einmal die Leute - wer das auch immer in Ihrer >Welt< sein mag - nach den Vorstellungen, die sich in deren Köpfen mit dem Auftakt einer Tagesschau-Sendung verbinden. (Ich habe derartige Untersuchungen schon 1957ff in meinem Philosophieunterricht angestellt, um die Entstehung von Vor-Urteilen und Ideologien (Destutte de Tracy) in unseren Köpfen verstehen und damit verhindern zu  lehren.


A.Peters glaubt(e) imperialistisch-kolonialistische Ideen - anhand von Bildern [von >falschen< Welt>bildern< förmlich indoktriniert] - aus-rotten zu können; so jedenfalls kamen mir seine Äußerungen 1973 vor. Daß er dabei - zuerst von der UNESCO, später dann von der UNICEF unterstützt - die >Dritte< Welt bereiste und auf neuen Wegen befähigte Köpfe dortens auf seine >neuartige< Weise zu indoktrinieren suchte, hat mich schon damals betroffen gemacht. 

Weiß Gott, in jener Zeit rannte die >Dritte< Welt - präsent in der UNO/UNESCO/UNICEF - jedem >Feind<bild begierig nach, - und damit auch dem von Herrn Peters konstruierten. Sein Kairo-Vortrag ist gespickt von Un>sach<lichkeiten  jeden Genres: geographischer, kartographischer, wissenschafthistorischer, ideologischer Art. 
Zu glauben, man könne die Welt - stellvertretend den Globus - in einem (einzigen) Bild sachgerecht, d.h. perspektivengerecht, re-präsentieren, ist ein Hirngespinst, eine Illusion. Korrekt ist allein, eine Perspektive vorzugeben und danach das >Bild< suchen, das dieser Perspektive >gerecht< wird. Für andere Perspektiven sind andere Bilder, Ab-Bilder zu suchen, geradezu von-nöten. 

Das wußte - an der Schwelle eines neuen Bewußtseins stehend, aber noch mitten im >alten< (trotz Re-Naissance) lebend, schon Gerhard Mercator (1512-1594). Er ist der erste Geograph, der als genialer Kartograph die Perspektivität der >Welt< in seinen Weltbild-Konstruktionen = Karten berücksichtigte. Je nach den Erfordernissen suchte er einen/den Karten>entwurf< für seine >Welt-Bilder< , der die Erfordernisse am besten berücksichtigte. In der Sprache seiner Zeit eingekleidet heißt das: Mercators Karten sind die - nachweislich -hervorragendsten seiner Zeit, weil sie das Lob des Schöpfers der besten aller möglichen Welten (das ist ein Mercator-Text, kein Leibniz-Text!) verkündigen sollen, - aber bitte wahr-haft. Sein Motto lautete: supremum mundi optima

Für Leute vom Schlage eines A.Peters hatte Mercator schon 1569 eine treffliche Beschreibung zur Hand: "Ea quae longa experientia discuntur si ad perfectam ..." / Ich erspare Ihnen den lateinischen Text: "Lange Erfahrung lehrt folgendes: Wenn man, um zur vollkommenen Erkenntnis der Wahrheit zu gelangen, vorwärtskommen, nicht aber durch Irrtum verblendet werden will, muß man folgendermaßen vorgehen: Man sondert alles, was aus offensichtlichen Gründen falsch ist, aus und hält am Wahrscheinlichen so lange fest, bis alle Erfahrungen und Überlegungen miteinander übereinstimmen und die Tatsachen selbst in ihrer Wahrheit vor Augen stehen. So ist die Geographie: Wenn wir bei der erstbesten Gelegenheit die Entdeckungen der Alten kühn übertragen, verändern oder umkehren wollen, werden wir das nicht erreichen, sondern sogar für die Berichtigung eines einzigen Fehlers hundert Wahrheiten verfälschen und schließlich ein vollkommen verworrenes Konglomerat ... hervorbringen.“ 

Ich erkenne in dem Text A.Peters wieder. (Sie können die Originaltexte nachlesen: ISBN 3-87463-211-3, inklusive Mercatorkarte.) 

Ich habe den Peters-Atlas (Oxforder Ausgabe) ausgiebig untersucht: Über die kartographischen Täuschungen in diesem Atlas ließen sich lange Abhandlungen schreiben, über die statistisch-geopolitischen >Lügen< will ich mich überhaupt nicht auslassen. 

Zu glauben, daß die Mutter aller Peters-Karten, die flächenerhaltende Lambert-Zylinderprojektion, oder gar die azimutale mit ihren unterschiedlichen Weltachsen in der Lage wäre, alle möglichen Perspektiven der >Welt< korrekt = wahrheitsgemäß darzustellen, der traut einer wissenschaftsmethodischen Chimäre. 

Wer keine überprüfbaren Prämissen vorgibt - wie Herr Peters - , der kann z.B. auch nicht von einer >verzerrungsfreiesten Abbildung < reden: Die Peters-Sprache kennt keine >scharfe< (mathematische) Argumentation, die eine derartige Behauptung zu rechtfertigen oder nachzurpüfen in der Lage wäre. Untersuchen Sie doch  bitte nur einmal die Peters-Karten K10/11 und  K32/33 in vergleichender Absicht - so etwas nennt man seit ziemlich genau hundert Jahren >vergleichende Kartometrie< - : Trau, schau wem! 

Daß sich Flächenerhaltung und Längentreue allüberall mit einander vertragen, widerspricht sogar dem theorema egregium von Gauß, läßt sich aber auch schon mit einfachen Hilfsmitteln als unwahr erweisen. (Man braucht dazu keine Differentialgeometrie.) Aber interessiert das überhaupt Peters? Er ist schlicht ein Ideologe im Sinne Destutte de Tracys. Dann allerdings muß man ihn ent-larven, denn seiner Larve sind viele in all den Jahren aufgesessen. 

Und was - aber bitte: nicht nur - Peters über das >europazentrierte Weltbild< Mercators oder über die Weltkarte AD USUM NAVIGANTIUM von 1569 im allgemeinen und den Mercator-Atlas von 1595 im einzelnen sagt, ist hanebüchener Nicht-Sinn; die betreffenden Leute verstehen sich - wahrscheinlich (ich will ohne betreffende biographischen Informationen vorsichtig formulieren) -  in diesen ihren Aussagen noch nicht einmal selbst; sie kennen schlicht die >Sache< nicht, von der sie reden und schreiben. (Selbst in geographischen Handbüchern - von weltweit anerkannten Geographen verfaßt - steht - nachweislich - betreffender Nonsens.) 

Wenn Sie bemerken, daß ">Blinde< ... sehen ... glotzen.“, so ist dem hinzufügen: Unter Blinden ist der Einäugige König! - Substituieren Sie die zutreffenden Subjekte. - 

Die Bemerkung "Oder haben Ihre Verleger Ihnen schon alle Rechte >gesichert<“ kann ich mir - sinnvoll  - nicht entschlüsseln. 

Ich höre auf und gehe auch nicht mehr auf Ihre Bemerkung "Auch wenn die USA ...“ ein: Kehren wir doch vor unserer eigenen Haustür - ohne fremdbestimmte Alibis. 

Zum guten Schluß: nichts für Ungut. Aber halten Sie Ihren Kopf frei von umtriebigen >falschen Welt-Vor-Stellungen< und leerlaufenden Emotionen. >>Schon Hegel hat gesagt<<: Im Gefühl stecken zu bleiben ist unter-menschlich. Das einzige Korrektiv, das wir Menschen haben, ist unsere Vernunft - vom Verstand wohl unterschieden - , was aber nicht ausschließt, daß wir mit Pascal auch denken >par coeur<. 

Meine >Position im Netz< kenne ich nicht, weil ich die Netzseite nicht kenne. Aber meine Stellungnahme finden Sie oben angedeutet. 

Damit Sie etwas zum Spielen haben, lege ich dem Brief zwei Disketten bei: Legen Sie die erste in A: ein und starten Didaktik.Exe. Wenn dann auch die zweite entpackt ist, legen Sie die erste wieder in A: ein ,  und booten Sie dann neu. (Sie benötigen mindesten 590 kB freien Arbeitsspeicher, damit die Programme laufen.) Starten Sie einige mithilfe der BAT-Files. Ich hoffe Sie verstehen die Folge der Bilder zufolge Peters-BAT, wenn Sie sich zuvor z.B. den Flug um die Erde bis zu ihrer Kartierung - auch unter Lambert-Zylindern - angesehen - und einige Bemerkungen w.o. verstanden - haben. 
Viel Spaß. 

Mit freundlichem Gruß