|
Arno
Peters - oder: Das große Mißverständnis
|
.
Um den Ladevorgang zu beschleunigen, erscheinen
fast alle Bilder zuerst einmal en miniature. Klicken Sie bei Interesse
das einzelne Bild an.
Let none dare to attribute the shame
Of misuse of projections to Mercator's name;
But smother quite, and let infamy light
Upon those who do misuse, publish or recite.
Charles H. Deetz | Oscar S. Adams (Elements
of Map Projection, Washington 1921
[5.A.,1945:104])
Der Historiker Arno Peters
hat im Jahre 1973 auf vermeintliche
"Schwächen" der Mercator-Abbildung aufmerksam gemacht und behauptet,
die Mercator-Karte des Jahres 1569
würde in bestechender Weise das koloniale Weltbild
seit der Entdeckung Amerikas 1492 darstellen:
Ein Jahr nach der Entdeckung Amerikas
teilte der Papst die außereuropäische Welt unter die mächtigsten
Staaten Europas auf.
So A.Peters.
-
Wer aber will das damalige Portugal zu den damals mächtigsten
Staaten der Welt zählen? Portugal war - wenn man so will -
eine durch die Entdeckungsfahrten herbeigeführte "Kolonialmacht";
"Weltmächte" dagegen existieren im 16./17.Jh. noch nicht. Sie sind
ein politisches Konstrukt des späten 19.Jhs. - genauer des "Zeitalters
des Imperialismus" im letzten Drittel des 19.Jhs. - aber das weiß
/ wußte der "Universalhistoriker" Peters mit Sicherheit seit
seiner
Weltgeschichte..
-
Im übrigen wurden am 7.6.1494
im Vertrag von Tordesillas nur die entdeckten überseeischen
Gebiete zwischen den Spaniern und den Portugiesen nach einem Schiedspruch
des Papstes von einander abgegrenzt. Die Trennungslinie war - nach
heutigen Vorstellungen - die Länge 46°W.
-
Die "Molukken-Frage" z.B. wurde erst sehr viel später entschieden:
als die erste Weltumseglung völlig neue Aspekte in das Spiel der kolonialen
Interessen gebracht hatte. Am Ende machte Karl V. noch ein gutes
Geschäft, da er 1529 die vermeintlich
in spanischem Besitz befindlichen "Gewürzinseln" für sagenhafte
350.000 Dukaten an Portugal abtrat: Die von Spanien "gesponsorte" Westsegelung
Magellans
hatte "eigentlich“ den Nachweis erbracht, daß die Molukken seit 1494
zu Portugal gehörten. (Sie liegen - nach heutigen Vorstellungen -
westlich der Länge 134°O.)
-
Die Auseinandersetzungen zwischen den Spaniern und den Portugiesen
gerieten 1524 zu einer Farce, da jede
Partei sie bevorzugende Karten, Globen und Berichte vorlegte, die von der
Gegenseite jeweils keine Anerkennung fanden. Abgesehen von dem späteren
Geschäft Karls V. hatte die Auseinandersetzung aber (wenigstens)
die positive Folge, daß Juan Vespucci - ein Neffe des Amerigo
und auf Seiten der Spanier - zu einer neuen Kartenentwurfsart
inspiriert wurde. Über die zutreffenden Längengrade aber - und
damit über die korrekte Lage der Molukken - wurde weiter spekuliert.
Noch in der Weltkarte von 1569 liegen
sie etwa 15° weiter östlich im Einflußbereich der Spanier.
Hundert Jahre später ?vollendete
Mercator seinen Atlas [1.Auflage: 1595].
Um
diese Zeit war die Europäisierung [die
Kolonialisierung
durch die Spanier und Portugiesen?] der Erde schon
weit fortgeschritten, und so war sein Atlas erster Ausdruck des geographischen
Weltbildes im Zeitalter des Kolonialismus.
Vermutlich hat A.Peters den Mercator-Atlas
nie zu Gesicht bekommen,
In seinem UN-Buch
Die Neue Kartographie, Klagenfurt 1983,
S.139, zitiert A.Peters drei Bände: "51
Karten von Deutschland [26],
Belgien [9] und
Frankreich [16]
füllten den ersten Band [1585],
21
Karten von Italien [1 Übersicht, 12],
vom Balkan und von Osteuropa den zweiten [1589,
korrekt: 22], 18 Karten von England, Skandinavien
und vom Polargebiet den dritten [korrekt: 29 posthum 1595
in den Atlas integrierte Karten des
europäischen Nordens inkl. Island und Polarkarte].
Wie A.Peters an die Zählung der Karten in
drei Bänden kommt, ist unerfindlich. Im Atlas
Pars Altera liegen die Verhältnisse sogar noch etwas anders
vor:
Galliae tabulae: 12 Frankreich inkl. Lothringen,
Burgund; 4 Schweiz.
Belgii inferioris tabulae: 1 Übersicht, 8
Provinzkarten der Niederlande.
Germaniae tabulae: 1 Übersicht, 25 Teilkarten
inkl.Polen, Ungarn.
Italiae tabulae etc.: 1 Übersichtskarte Italien,
15 Teilkarten, 2 Balkan, 4 Griechenland.
Posthum: 1Nordpol, 1 Island, 16 Britsche Inseln,
1 Skandinavien, 4 Dänemark, 6 Osteuropa.
denn wie kann man - bei Kenntnis des Atlas-Werkes
von 1595 - den Welt-/Seekarten-Entwurf
1569
Gerhard
Mercators für sein europazentiertes Weltbild
- dokumentiert als Atlas von 1595 -
verantwortlich machen, wenn es die Wahrheit ist, daß
-
(a) keine Karte im Atlas-Werk
von 1595 in Mercator-Projektion
gezeichnet ist - d.i. in [evtl. normalachsiger] winkeltreuer echter Zylinderabbildung
- und
-
(b) abgesehen von den Erdteilkarten auschließlich Übersichts-
und Detailkarten (Ganz-)Europas vorkommen (über die Gründe: später)
- und
-
(c) die Karte von 1569 - "die
Mercatorkarte" überhaupt nicht europazentriert ist (davon ebenfalls
später).
Gerhard Mercator hat völlig zutreffend und weitaus angemessener
als seine Atlas-Epigonen gewußt, daß seine neue Abbildungsart
von ihm AD USUM NAVIGANTIUM, zum Gebrauch
für die Seefahrer, entworfen worden ist. Zu behaupten, Gerhard
Mercator habe seinen methodischen Entwurf "europazentriert" durchgeführt,
zeigt einerseits,
-
daß A.Peters das nautische Problem des 15. und 16. Jahrhunderts
in seinen historischen Bezügen völlig unverstanden geblieben
ist, und andererseits,
-
daß er die Abbildungskonstanten der Karte von 1569
überhaupt nicht zur Kenntnis genommen hat:
|
Gerhard Mercators Entwurf von 1569
ist eine normalachsige winkeltreue echte Zylinderabbildung der Welt
mit dem Äquator als einzigem abweitungstreuen Breitenkreis; eine "europazentrierte
Mercator-Karte" würde mindestens einen ?mittleren europäischen
Breitenkreis als abweitungstreu wählen. |
A.Peters - allerdings - wählt für
seine Weltkarte einen solchen eurozentrischen Breitenkreis,
aber in der Absicht, die südliche Welthälfte entsprechend ihrer
Flächengröße
in die Anschauung zu bringen.
Das aber konnte mit der flächentreuen Archimedes- / Lambert-Abbildung
schon lange geleistet werden, |
wenn man statt eines tangentialen Zylinders einen
Schnittzylinder
wählte. Ersterer zeichnet allein den Äquator als "abweitungstreu"
aus, letzerer dagegen bildet z.B.die beiden Breiten 45°N und 45°S
abweitungstreu ab:

|
Dazu bedurfte es keiner historischen
Entdeckung eines Universalhistorikers.
"Eingekauft" wird mit dieser Abbildungsart allerdings - und das ist
unumgänglich - , daß die Dritte-Welt-Abbilder dieser flächentreuen
Lambert-Karte
/ Peters-Karte ihre Ähnlichkeit mit der Wirklichkeit (auf der
Erde und ihrem getreuen Abbild, dem Globus, sehr) vermissen
lassen - im Gegensatz zur Abbildung Mercators: die Winkeltreue der
Karte
von 1569 ist durchaus an der "Globusähnlichkeit" der Objekte
"im Kleinen" erkennbar. (Man vergleiche das nachfolgende Zitat Gerhard
Mercators.)
Wer aus der Legende Inspectori salutem (vgl.
Ad
usum navigantium Legende 3) herausliest, daß die "wahre
Entfernung" der Orte eine andere sei als eine "loxodrome" - bei Mercator
"direktional" im Gegensatz zur "plaganen" ="orthodromen" genannt - , der
irrt.
In der gleichen Legende sagt Gerhard Mercator mit der bei ihm
bekannten Vorsicht: „ ... daß die Gestalten
der Länder, wie sie auf der Kugel erscheinen - soweit dies überhaupt
möglich ist - [von Konstruktions wegen]
beachtet
werden“, - nicht so bei A.Peters.
-
- soweit dies überhaupt möglich ist -
: Gerhard Mercator war sich vollkommen im Klaren darüber, daß
sein Entwurf nur die Ähnlichkeit im Kleinen garantiert: die
Abbildungart muß also mit (von Mercator erkannter, gewußter)
Notwendigkeit wegen ihres loxodromischen Maßes die Gestalten der
Länder (im Großen) loxodromisch verzerren.
-
Peters sagt ähnliches aber nirgendwo in seinem Atlas.
Gerhard Mercator weiß, daß nicht
beides zugleich zu haben ist: Winkeltreue und Flächentreue, aber
auch nicht Flächentreue und "überall"-"Maßstabstreue" -
die die Peters-Karte als "Flächenmaßstabstreue" vorgaukelt.
Das weiß auch der Chefkartograph der Oxford Cartographers, die die
Peters-Karten
herausgegeben haben: Wer einmal versucht hat, die
Schalen einer Apfelsine zu einer glatten Fläche zusammenzufügen,
kennt das Problem, vor dem alle Kartographen stehen: Die grundsätzliche
Unmöglichkeit der verzerrungsfreien Übertragung einer Kugeloberfläche
auf die Ebene. Formtreue [d.i. Ähnlichkeit],
Entfernungstreue
und Winkeltreue gehen dabei [! i.A.]?notwendig
verloren.
Das ist (so gesagt) nicht (ganz) korrekt:
-
Es gibt flächentreue Abbildungen. Man ziehe Lamberts und Mollweides
Abbildungen zu Rate, aber auch die zweite Abbildung des Ptolemäus,
die von Stab-Werner und Bonne zu unterschiedlichen Zeiten
wiederentdeckt wurde.
-
Es gibt winkeltreue Abbildungen. Man ziehe Mercators Zylinderabbildung
oder Hipparchs stereographische Abbildung zu Rate.
-
Es gibt beliebig viele mathematische Abbildungen = Funktionen, die auf
winkel- bzw. flächentreue Karten führen, - aber es ist nicht
möglich, Karten zu entwerfen, die zugleich winkel- und
flächentreu sind, die zugleich flächen- und längentreu
sind; einzelne Kurven können dabei sehr wohl - in allen Verebnungen
der Kugel - längentreu (abweitungstreu) abgebildet werden.
Man vergleiche z.B. den abstandstreuen Kegelentwurf mit einem
abweitungstreuen Breitenkreis, d.i. die 1. Ptolemäus-Abbildung,
oder den winkeltreuen Kegelentwurf mit einem abweitungstreuen Breitenkreis.
Aber es ist möglich, drei andere Qualitäten
zu erhalten [nicht zu zerstören?]: Flächentreue,
Achstreue und Lagetreue.
Dabei soll bedeuten:
-
Achstreue: daß die Meridiane Parallelen sind;
-
Lagetreue: daß die Breitenkreise Parallelen sind, so daß
Orte gleicher Sonneneinstrahlung [!] stets
in einer parallel zum Äquator verlaufenden Gerade liegen.
Schlichter, anspruchsloser gesagt: ... daß die Bilder der Breitenkreise
Parallelen sind, die auf den Meridianbildern senkrecht stehen. Der Peters-Entwurf
ist damit eine flächentreue echte Zylinderabbildung. ["Echt"
heißen Entwürfe, deren Meridianbilder Geraden und deren Breitenkreisbilder
Geraden oder (konzentrische) Kreise sind.] Ihr "klassischer" Vorgänger
ist die LAMBERT-Abbildung, die vielleicht schon von Archimedes
herrührt. D.H. Maling glaubt die orthographische
Gall-Erdkarte
als den Vorläufer der Peters-Karte
ausgemacht zu haben.
.
Die Peters-/Chefkartographen-Rede von seiner/der verzerrungsfreiesten
Abbildung ist solange unbestimmt, wie nicht gesagt wird, welches
Attribut in welchem Sinne der Abbildung gemeint ist.
-
Die Winkelsche Weltkarte von 1915
z.B. - eine "Misch"-Abbildung - kann genauso gut als eine "verzerrungsfreieste"
Karte bezeichnet werden, wobei das Minimum der mittleren Längenverzerrung
EA- aus vorausgesetzten Definitionen (Airy 1861)
- genau bestimmt werden kann:
-
EA= 0.3280 genau
dann, wenn der abbildende Zylinder den Globus in der Breite von ±50°28'
durchsetzt.
|
Der nebenstehende Entwurf zeigt die Linien gleicher
Winkelverzerrung an.
Die Karte ist optimiert nach dem Kriterium von Airy: Phil.Mag.
a. Journ.of Science Ser.4.Vol.22,409-421 (1861).
Vgl. die Diss. von N. Francula: Die
vorteilhaftesten Abb. in der Atlaskartographie, Bonn 1971. |
Die Peters-Sprache kennt eine so scharfe (mathematische) Argumentation
nicht.
.
Es ist eine Binsenweisheit, daß Karten-Verzerrungen
sich bei einer Projektion in dem Maße verringern, wie sich der wiedergegebene
Ausschnitt der Erdoberfläche verkleinert:
-
Man zoome eine beliebige Karte, erst recht die LAMBERT-Karte in
einer polnahen Gegend!
Aber dennoch ist auf keiner Karte der Erde (auch auf der Peterskarte
nicht) realisierbar, daß diese Karte beliebig längentreu
ist.
-
Ein beliebig-längentreues Abbild der Kugel ist nur die Kugel
selbst: Das berühmte theorema egregium
von Gauß beweist, daß längentreue Abbildungen das
Gaußsche
Krümmungsmaß der Originalfläche erhalten:
Die Einheitskugel hat die Gaußsche Krümmung 1, die
plane Ebene dagegen hat die Gaußsche Krümmung 0:
quod non.
Da die Kegelfläche das Gaußsche Krümmungsmaß
0 besitzt, wird verständlich, warum sie als "vermittelndes" Medium
bei den Kugelverebnungen auftritt: Kugel ®Kegel
Þ
Ebene.
Ja noch mehr: Zylinderabbildungen können als Spezialfälle
von Kegelabbildungen angesehen werden, - wenn man die Kegelspitze "ins
Unendliche" hinausschiebt; sie "sehr weit" hinauszuschieben, reicht schon.
Zählen wir einige Ungereimtheiten auf:
-
A.Peters begründet sein "kartographische
Weltbild" mit einem wissenschaftsmethodischen - unanständigen
- faux pas:
.
Wie kann man - gerechtfertigt wodurch anders als durch ideologischen
Schein - den Versuch unternehmen, einen konformen Kartenentwurf
wegen konstruktiv bedingter nicht vorhandener Flächentreue
zu diffamieren? Genau das aber unternehmen A.Peters und seine Gefolgschaft
[[linking
to ]]:
 |
Auf der Karte von 1569 gibt es
das "Grönland - Problem" nicht.
Aber (z.B.) Grönland und Afrika der Flächengröße
nach auf einer heutigen "Mercator - Karte" vergleichen zu wollen,
ist - was die Karte AD USUM NAVIGANTIUM anbetrifft - absolut unseriös. |
Und es kommt schon fast einem Sakrileg gleich - was die wissenschaftliche
Aufrichtigkeit eines Autors angeht - , auf die vorstehende Weise einen
nicht-normalen
flächentreuen echten Zylinder-Entwurf (links: die "Peters-Karte")
mit einem normalen winkeltreuen echten Zylinder-Entwurf (rechts:
eine heutige "Mercator-Karte") zu vergleichen. So kann man
THE MERCATOR leicht Euro"zentrismus" vor-werfen.
.
Aber wie wäre es, wenn man - anständigerweise - beide Abbildungsarten
wenigstens in gleichem Ausmaß vergleichen würde?
.
Und wie steht es mit
der Orginalkarte von 1595:
Ich gestehe frei:
Soviel ideologischer Schein wie bei A.Peters ist mir
nur noch in der marxistisch-leninistischen Literatur des 19./20. Jahrhunderts
begegnet, - ich nehme dabei den jungen Hegelianer Karl Marx und
seine frühen humanistisch-utopischen Lehren - wenn nötig - gerne
in Schutz vor seinen "kommunistischen" Epigonen.
Vom Vor-Wurf des "Eurozentrismus" des Jahres 1569
bleibt aber nicht mehr viel übrig, - wenn man nur genauer hinsieht.
Und von der Ideologie des "europazentrierten Weltbildes" des Atlas-Werkes
von1595
ist A.Peters noch auf andere Weise zu "befreien", - oder besser:
zu des-illusionieren. (Davon später.)
-
Im Peters-Atlas wird jeder Karte die Flächentreue zugesprochen
- 1 cm² \ 6000 km² - , aber auf jeder Kartenseite soll
auch dasselbe "mittlere" Längenmaß gelten: 1cm \ 80 km;
das "mittlere“ Flächenmaß beträgt demnach 6400 km².
TRAU SCHAU WEM
-
Die 5°-Äquator-Abweitung beträgt real rd. 555.555 km; auf
der Peters-Karte K 10/11 beträgt
die 5°-Längendifferenz zwischen 160°W und 165°W 33.5 mm
oder - im Peters-Maßstab - rd. 268 km; auf der
Karte K 32/33 gilt entsprechend für 20°W
bis 15°W eine Differenz von 41.0 mm oder - im Peters-Maßstab
- rd. 328 km.
TRAU SCHAU WEM.
|