.
Das Zeitalter übte aber nicht nur die divinatorische Astrologie
oder in einfacherer Form die prognostische
Astrologie16 aus; seit altersher praktizierte man auch die
Kunst der judiziellen (bewertenden) Astrologie des Nativitäten-Stellens,
das Ausarbeiten von Geburtshoroskopen.
Lange Zeit wurde das Stellen von Nativitäten in Anlehnung an chaldäisch-ägyptischeVorbilder
mit "äquivalenten" Häusern geübt, häufig aber einhergehend
mit der zu Widersprüchen führenden Methode, die Größe
der Häuser in Abhängigkeit von der Lage des Frühlingspunktes
zum jeweiligen Horizont (der Aszendentenlinie) zu verändern17.
Neben
Campanus (Giovanni Campani, 1233-1296)
beschäftigte sich auch
Regiomontan (1436-1476)
mit den Widersprüchen der judizierenden Astrologie und schlug eine
Verteilung der Häuser auf den Zodiak vor, die von der heute oft benutzten
Verteilung nach Placidus (de Titis, 1603-1668)
- bzw. der Methode der "rationalen Manier" von Walter A. Koch -
abweicht18.
Auf dem Horizontring seines Himmelsglobus
hat Gerhard Mercator die 12 astrologischen Häuser gleichverteilt
in den "natürlichen Tierkreis" der chaldäisch-ägyptischen
Astrologie einbezogen:
Die Spitze des 1.Hauses = 0°-Widder,
die Spitze des 2. Hauses = 0°-Stier,
die Spitze des 3. Hauses = 0°-Zwilling, usw.usf..
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Daß große Astronomen des Jahrhunderts sich nicht scheuten,
Nativitäten aufzustellen, sieht man am Beispiel
Brahes oder
Keplers.
Brahe
stellte für den Prinzen
Christian von Dänemark das folgende
Horoskop:
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Das Horoskop nach byzantinischer Methode zeigt die Einteilung des Zodiak
in die zwölf Häuser. Die Zwischenhäuser 1 und 7 sowie 4
und 10 sind nach Campanus in Spitzen markiert.
In den zugehörigen Segmenten sind die Planetenpositionen
und ihre Lagen in den Tierkreiszeichen notiert. |
| Wallensteins Horoskop - gestellt von
Johannes
Kepler, in dessen Nachlaß man über 800 Horoskope gefunden
hat |
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"Klassische" Horoskope haben sich z.B. von Johannes und Andreas
Schöner in der "abstrakten" ptolemäischen Form erhalten:
Regiomontans Tabellenwerk Tabulae directionum
(1475 erstmals gedruckt) enthält
nicht nur die Directions-Tabellen, es behandelt neben der Darstellung seines
"rationalen" Häusersystems auch eine Fülle allgemeiner mathematischer
Probleme. Die in ihm enthaltenen Tafeln der Zwischenhäuser-Polhöhen
und der Schiefen Aufsteigung (ascensio
obliqua) machten sein Häusersystem allmählich bekannt
und anwendbar.
Zu Johannes Schöners (d.Ä.) Abhandlung De
judiciis nativitatum libri III - bahnbrechend für die "rationale
Manier" Regiomontans - schrieb Melanchton das Vorwort. |
"Aufgangspunkt" (Aszendent, gr.: ´wrosko'poV)
- die Spitze des 1. Hauses - und "Untergangspunkt" (Deszendent)
- die Spitze des 7. Hauses - liegen sich diametral gegenüber; ebenso
das Medium Coeli, MC, das die obere Kulmination des Tierkreises
mit der Spitze des 10. Hauses bezeichnet, und das Imum Coeli, IMC,
das die untere Kulmination des Zodiak mit der Spitze des 4. Hauses kennzeichnet.
.
Aus den abstrakten chaldäisch-ägyptischen Horoskopformen
bzw. denen nach Ptolemäus (Tetrabiblos)
geht nicht hervor, daß man sich seit langem über die Verteilung
der Häuserspitzen - des Beginns der Häuser - uneins war. Über
die Lage der vier Kardinalpunkte war man sich einig, nicht aber über
alle anderen.
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Praktiziert wurden daher Verteilungen nach "äqualen" Häusern,
nach Ptolemäus (2.Jh.),
Campanus
(13.Jh.) und später - vorwiegend
- nach
Regiomontan
(15.Jh.):
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Bei der Interpretation einer Nativität
war es stets wichtig zu wissen, welcher Planet ein Haus am Tag bzw. in
der Nacht "dominierte". Sonne und Mond erhielten jeweils nur ein Haus zugeordnet:
die Sonne regierte den Tag im Löwen (Leo), der Mond die Nacht im Krebs
(Cancer):
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Das "astronomische Rad" bringt einen weiteren Zusammenhang astrologischer
Beziehungen zur Anschauung, die es bei der Interpretation einer Nativität
zu berücksichtigen gilt: vier gleichseitige Dreiecke - jedes Zeichen
"ziert" je genau eine Spitze - werden sowohl den Elementen als auch den
Temperamenten zugeordnet.
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Das "feurige" Dreieck (trigonum igneum) hat seine Spitzen im Wider, Löwen
und Schützen. Unter Tage hat es die Sonne und Jupiter zu Herrschern,
in der Nacht den Saturn. Sein Temperament ist cholerisch, sein Geschlecht
ist männlich.
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Das Element Erde ist den Zeichen Stier, Jungfrau und Widder im trigonum
terreum zugeordnet und spricht den betreffenden "astrologischen Typen"
Praxistauglichkeit und Verläßlichkeit zu. Seine Gebieter sind
am Tage die Venus und der Mond, in der Nacht ist es der Mars. Sein Geschlecht
ist weiblich.Sein Temperament ist die Melancholie..
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Das "luftige" Trigon (aëreum) hat seine Spitzen in den Zwillingen,
der Waage und im Wassermann. Sein Temperament ist sanguinisch, sein Geschlecht
ist männlich, und seine Gebieter sind bei Tag der Saturn und der Merkur,
bei Nacht aber Jupiter.
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Das "wässrige" Trigon besitzt die Zeichen Krebs, Skorpion und Fische.
Sein Temperament ist das Phlegma, sein Geschlecht ist weiblich und für
Gefühle und Intuitionen offen. Am Tage wird es von Venus und Mars
dominiert, in der Nacht vom Mond.
Dem "Fischmenschen" ordnet das Element Wasser Einfühlsamkeit und
Intuition zu (Gerhard Mercator ist ein 'Fisch'); dem "Löwen"
eignet gemäß dem Element Feuer Energie und Tatkraft; das Element
Luft spricht dem "Zwilling" - aber auch dem "Wassermann" - Objektivität
und logisches Denken zu, usw.usf.
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Mercators Geburtshoroskop
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Unterstellen19 wir
einmal, daß Gerhard Mercator seine "Nativität", sein
Geburtshoroskop, aufgestellt und dabei die Häuserdefinition des damals
- trotz Regiomontans "neuer" Methode - herangezogenen Ptolemäus
benutzt hat.
Er könnte dann auf die folgende Konstellation am Himmel über
Rupelmonde - 5.3.1512, 5Uhr Ortszeit
- gestoßen sein: |