[1] divinatorische Astrologie
Eine berühmte, von den Gegnern der Astromantik immer wieder angeführte Abhandlung über die wahrsagende Astrologie hatte schon Cicero geschrieben:
 

[2] Horizontring (beigefügt am 12.12.2002)
Vgl. die mir soeben (Dezember 2002) angezeigte Löwener Dissertation von Steven Vanden Broecke: The Limits of Influence: Astrologie at Louvain University 1520 - 1580, Leuwen 2000, bzw. seinen Aufsatz "Dee, Mercator, and the Louvain Instrument Making: An Undescribed Astrological Disc by Gerard Mercator (1551)", Annals of Science, 58, 2001, 219-240, die auf ein 'zweites' - offenbar das apostrophierte 'einzige' (im Wortsinne) 'ergänzende' - Dokument hinweisen: Vanden Broecke spricht von zwei Teilen eines ganzen Dokuments.

Im NIEUWSBRIEF UNIVERSITEITSGESCHIEDENIS 1998, nr. 2, Bijdragen, der Universität Löwen schreibt Vanden Broecke von

"An undescribed astrological instrument by Gerard Mercator (1551) ...
In this note I wish to report on a new ... astrological volvelle published by Mercator in May 1551.
The only known example of this instrument belongs to the collection of the Historisches Museum, Basel. No historical references to Mercators astrological volvelle have been found so far. Although briefly mentioned by Ernst Zinner in 1956 and a modest exhibition catalogue in 1978, the volvelle seems to have escaped scholarly attention until 1997. In September of that year, the disc was signalled to me by Prof. Jan Roegiers (Dept. of History, K.U. Leuven, Belgium) and Mr. Jacques Van Damme (Temse, Belgium), both having seen it on display in Basel.
Es folgt eine grobe Beschreibung der Astrologischen Scheibe.
"Mercator issued a celestial sphere at Louvain in April 1551, ten years after the publication of his famous terrestrial globe. The celestial globe included astrological information on the nature of the fixed stars, while the gores of the horizon carried the division into mundane houses as well as information on the latter. These elements constitute only part of the common astrological parameters, the rest of which can be found on the astrological disc. The present instrument must therefore be interpreted as an astrological complement to Mercators celestial globe, with which it was probably published simultaneously. The instructions on the back also consistently apply to the combination of globe and disc." (Von mir herausgehoben.) ...
"There is good reason to assume that written introductions by authors such as Alcabitius and John of Seville co-inspired Mercator with the very concept of his  astrological volvelle. Comparing the front-plate of the volvelle with these texts one finds a remarkable similarity in terms of content and disposition of the information, the overall difference being the form in which that information is cast. Even the name which Mercator gives to his instrumentum Isagogicum refers to the Latinized textual tradition of Arabic astrology, in which conceptual surveys are generally denoted as partes isagogicae."

Ich bin allerdings eher der Auffassung, daß der Begriff  (Zuführung, Hinleitung) bei Gerhard Mercator den Attischen Nächten  des Aulus Gellius - und damit der gesamten didaktischen Tradition des Altertum und des Mittelalters - entlehnt ist: Erstens besaß Gerhard Mercator ein Exemplar der Attischen Nächte und zweitens brachte Gellius den griechischen Begriff  I:II:6, XIV:VII:2 in die lateinische Sprache ein, der seither stets auf die Schulmäßigkeit eines Textes bzw. auf die lehrhafte Dar-Stellung eines beliebigen Objekts - vornehmlich eines Textes - verweist. Als auszeichnendes Beispiel darf wohl die Isagoge des Porphyrius - die schulmäßig-lehrhafte Behandlung der Kategorienlehre des Aristoteles - gelten.
"An edition and study of this instrument and its different contexts is currently being prepared as part of a study of Louvain astrological traditions in the 16th century, to be included in my dissertation on "Humanism and the mathematical renaissance at Louvain University, 1520-80"."
Noctes Atticae
I:II:6: "...iussitque proferri dissertationum Epitecti digestarum ab Arriano primum librum, ...., neque frugis neque operae probae, sed theorematis tantum nugalibus et puerilum isagogarum commentationibus deblaterantes obiurgatione iusta incessuit."
XIV:VII: "Quod M.Varro Cn. Pompeio, consuli primum designato, commentarium dedit, quem appelavit ipse , de officio senatus habendi."

[3] Astrologie
Gerhard Mercator antwortet offenbar auf eine Büchersendung des Grafen Rantzau: Dieser hatte gerade einen Catalogus Imperatorum - Mercator schreibt von einen "Index" - , aber auch seine astronomischen und astrologischen Arbeiten herausgegeben. Auf letztere nehmen (neben Anderem) dann die Briefe auch Bezug.
[4] Winkeltafeln
Die Winkeltafeln brachten die erste Veröffentlichung des "rationalen" Häusersystems (1467 abgeschlossen, 1475 in Nürnberg gedruckt).
In ihnen hat Regiomontan 31 Probleme der mathematischen Astrologie erläutert, die mit seinen Tafeln behandelt werden können. Im 14. dieser problemata behandelt er das Häusersystem (s.w.u.).
[5] 
Wahrscheinlichkeit
Pico ist als ein Vorläufer der vielen modernen Autoren anzusehen, die sich mit Hilfe stochastischer Felduntersuchungen zu diesem Thema geäußert haben - und sicher noch weiter äußern werden: Schon in den 20ern untersuchte K.E.Krafft den Einfluß des Mondes auf die musikalische Begabung von annähernd 3000 Berufsmusiker als Probanden; F.Schwab untersuchte zu dieser Zeit nahezu 4000 Künstlernativitäten auf spezielle Wahrnehmungen: alle Untersuchungen endeten mit dem Prädikat "völlig negativ". Nach 1970 boomten derartige Untersuchungen: Culver/Ianna 1977, 1978; Bastedo 1978; Sosis et aliter 1980, Tyson 1984, und viele andere mehr. 
Natürlich schlagen sich auch eine Reihe von Gedankengängen auf die Seite Brahes, um nur zu erwähnen: Wassilko-Serecki 1960: Widerlegung der üblichen Einwände gegen die Astrologie, Dean 1986: Does astrology need to be true? Part2: The answer is: No!

[6]Psychologie
Allgemeine Psychologie (Maria Krudewig: geisteswissenschaftlich orientiert) und Psychologische Diagnostik (Udo Undeutsch: naturwissenschaftlich orientiert).

[7] Klasse der Barnum-Sätze
Vergl. die Untersuchung von Forer, Journal 118.

[8] Beispielen
Die verschrifteten Äußerungen Gerhard Mercators in seinen Briefen, in dem Büchlein des Bartholomäus wie in den Kosmographischen Gedanken betreffen eher seine schöpfungsoptimisch getönte Ontologie und haben nur wenig mit der Astromantik, der juridischen wie der divinatorischen, zu tun.
[9] Illuminationstheorie
lat. illuminare: einer Sache Licht und Glanz verleihen: de eorundem natura, radiatione et operantium conflexu ad veriorem astrologiam inquirendam - ipse dixit.

[10] die gängige Deutung
Von dem Mars
- heißt es in einer zeitgenössischen Theilung des Himels : Astronomia Teutsch 1578 -
Ein nasser Knab /
man kennt mich wol / 
Pferd /
harnisch / 
krieg ich brauchen soll.
Sonst gehet zurück all was ich treib /
Mit unglück lacht mirs herz im leib.
...
In den stunden Martis ist gut /
Waffen kauffen /
geharnischte Pferd kauffen /
vnd was zum krieg gehört /
gut harnisch anzulegen /
vnd sich zum krieg bereyten /
wider die feind zu wasser vnd zu land handeln /
...
Von dem Planeten Saturno
- heißt es -
Ein Alt /
Kalt / 
Fauler / 
Wendt den schmipff /
Unflätig / 
hässig /
han kein glimpff.
Mein kind feindselig
neidig /
herb /
Metall /
Bley /
Eisen /
mein gewerb.
...
Ein verderber vnd feind der natur /
gifftig von natur /
kalt vnd trucken /
...
Saturnus ist einer verderbten natur /
wie die Sonn einer lebend machenden.


[11] quinta essentia
Immer wieder muß bei Mercator an die Herkunft der "fünften Essenz" aus der Kosmologie des Aristoteles erinnert werden: De caelo I,2 geht Aristoteles rein spekulativ davon aus, daß jedwede Ortsveränderung eines "natürlichen" Körpers entweder geradlinig oder kreisförmig oder aus beiden Arten zusammengesetzt sein muß. "Die Erfahrung" lehrt einerseits, daß die beiden letzten Formen auf der Erde nicht verwirklicht sind, und andererseits, daß die Gestirne die Existenz einer rein kreisförmigen Bewegung demonstrieren. Das ist auch verständlich, denn die irdischen (unvollkommenen) Dinge sind mehr oder weniger aus den vier Elementen zusammengesetzt, und diesen eignet wesentlich (essentiell) die Geradlinigkeit ihren Bewegungform. Den himmlischen Dingen dagegen kommt wegen ihrer Einfachheit und also: Vollkommenheit (essentiell) die Kreisförmigkeit als Bewegungsform zu. Sie müssen daher aus einem von den vier Elementen verschiedenen - fünften - Element bestehen: Schwerelos, keinem Wechsel ausgesetzt, (essentiell) unvergänglich, über allem hinaus, hatte Platon im Kratylos 410b von ihm als "Äther" gesprochen: Den Äther aber stelle ich mir so vor, weil er die Luft selbst umfließt und sich immer dreht, konnte er sehr leicht der sich um alles Dreher genannt werden.
( etymologisch - interpretierend: "der stets die Luft umfließend dahinläuft"). 
Vergl. Kosmographische Gedanken I.II.7: Die Werke des ersten Tages.
[12] 
circulis solis
 



[13] freien Wahl
Pico della Mirandola oder Erasmus von Rotterdam - aber auch Thomas von Aquin - hätten den anstehenden Gedanken nicht besser in Worte fassen können: Inclinant astra, non necessitant, die Sterne sind uns geneigt, aber sie zwingen uns nicht.
Shakespeare läßt Cassius in unnachahmlicher Weise formulieren:
Der Mensch ist manchmal seines Schicksals Meister;
Nicht durch die Schuld der Sterne, lieber Brutus,
Durch eigne Schuld nur sind wir Schwächlinge.


[14] Anfang der Welt
Hält man sich an biblische Vorgaben, so legt die Septuaginta (nach Sextus Iulios Aphrikanos um 221 n.Chr.) den Anfang der Welt in das Jahr 5500 v.Chr.
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Schon vor ihm hatte Clemens von Alexandrien in seinen "Teppichen" über die Datierungen der jüdisch-christlichen Geschichte nachgedacht: 
Zuvor aber müssen wir der rechten Sachfolge nach über die nach Moses anzustellenden Zeitberechnungen reden. Durch sie wird unbestreitbar bewiesen, daß die Philosophie der Hebräer älter als alle [sonstige] Weisheit ist. (1,101,1)
Der folgende Gedanke des Clemens findet seine Wiederholung in einem Gedanken Gerhard Mercators, mit dem er das Kapitel II.2 Über den Beginn der Schöpfung und die geschaffene Materie seiner Kosmographischen Gedanken beginnt:
Kadmos aber, der Sohn der Semele, kommt unter Lynkeus nach Theben und wird der Erfinder der hellenischen Schrift. Triopas war Zeitgenosse der Isis in der siebten Generation nach Inachos, ..., Prometheus aber in der siebten Generation nach Moses unter Triopas, so daß damit klargestellt ist, daß Moses selbst vor der Menschenentstehung nach hellenistischer Lehre geblüht hat. (1,106,1-2)
Mercator eröffnet das Kapitel II.2 mit dem für viele unbegreiflichen Satz:
Kurz vor dem Zeitalter des Moses wurde Saturnus geboren und vor jenem andere Stammgötter.
Hieronymus zählte nach der Chronik des Eusebius von Abraham an 2016 Jahre und schätzte den Weltanfang auf das Jahr 5198 "vor der Inkarnation" ein. Als er die Vulgata aus dem Hebräischen herstellte, ging er mit dem biblischen Datenmaterial sehr viel vorsichtiger um, so daß man später (Beda: in den Jahren 703 und 725) die Zahl von 3951 Jahren - für den Schöpfungsbeginn errechnete er den 18.März, den Tag, an dem später in Rom das Frühlingsäquinoktium gefeiert wurde - anhand der Vulgata, aber 5198 (nach Eusebius = Septuaginta) ableitete.
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Die byzantinische Ära von Konstantinopel zählt die nach dem Alten Testament ermittelten Jahre nach der Weltschöpfung am 1. September 5509 v.Chr., die jüdische Zeitrechnung dagegen setzt die Erschaffung der Welt auf den 7.Oktober (genauer: astronomisch auf den 6.Oktober, 18.00 Uhr) 3761 v.Chr.: Im Rahmen des hebräischen Festjahres begannen mit dem Rosch haschana, dem Neujahrstag am 1.Tischri, dem 1. Monat des hebräischen Jahres, die (zehn) Tage der Reue und des Betens vor dem Laubhüttenfest zum Gedenken an die Erschaffung der Welt und des Menschen. Der biblische Messias war dementsprechend nach 4182 Sonnenjahren zu erwarten.
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Gerhard Mercator setzt in seiner Chronologie den Anfang der Welt in das Jahr 3967 v.Chr..
 
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Er geht vom Beginn der Dämmerung im Paradies - seine Koordinaten liefert die betreffende Asia-Karte von 1578 - nach etwa zehnstündiger "chaotischer" Finsternis aus - wie es in seinen Komographischen Gedanken heißt - , so daß der erste paradiesische Tag von morgens 4 Uhr 44 bis abends 18 Uhr 44 dauerte. Für ihn fällt damit Anfang der Schöpfung  - nach julianischen Kalenderangaben - auf den 6. / 7. Juli gegen 18.00 Uhr
Für Beda ergab sich als Folge "seines" Schöpfungsbeginns, daß Adam und Eva am 23. März erschaffen wurden und am selben Tag - nach einer "kalenderlosen" Zeit im Paradies - zufolge ihres Sündenfalls in die "Welt eintreten" mußten. Um den Sündenfall aufzuheben, mußte daher Christus am gleichen Kalendertag sein Erlösungswerk einleiten, um es drei Tage später mit der Auferstehung - am 25. März des Jahres 30 - zu vollenden.
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Heute legt man nach dem Vorschlage des Joseph Justus Scaliger (1540-1609), dessen Vater Julius Cäsar zeitweilig als Freund des Nostradamus angesehen wurde, den Beginn der Julianischen Tageszählung - wohlgemerkt: nicht den Anfang der Welt - auf den 01.01.4713, 12.00 UT = Weltzeit.
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Der Vorschlag, die Zeitrechnung auf Christi Geburt zu beziehen, leitet sich von der Einführung des cyclus paschalis = Oster-Zyklus, durch Dionysius Exiguus (vor dem Jahre 532) her: "Wir wollten unsere [Oster-]Zyklen nicht mit dem Andenken an diesen gewissenlosen Verfolger [Diocletian] verknüpfen, sondern wir haben es vorgezogen, von der Fleischwerdung unseres Herrn Jesus Christus an die Jahresläufte zu bezeichnen." Migne PL67, 487.
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  • Daß Gerhard Mercator mit der im Jahre 1582 durchgeführten Kalenderreform so seine Schwierigkeiten hatte, entnimmt man einem kürzlich von Joseph Milz im Hauptstaatsarchiv des Landes Nordrhein-Westfalen aufgefundenen Schreiben Mercators an einen (noch) Unbekannten aus dem Jahre 1584

  • In einem Schreiben vom 31.8.2000 macht mich J.Milz mit dem Problem bekannt, daß Gerhard Mercator - ähnlich wie sein Freund John Dee - bei der Kalenderreform nicht eine Bezugnahme auf die Festsetzungen des Konzils von Nicäa aus dem Jahre 325 n.Chr. wünscht, sondern einen Rückgang auf die Lebenszeit Christi. Während - wie ich J.Milz am 3.7.2000  mitteilte - John Dee mit Hilfe korrekter astronomischer Rechnungen einen Kalendersprung von 11 Tagen fordert, beruft sich Mercator auf einen von 14 Tagen, denn er geht davon aus, daß die Frühlings-Tages-und-Nacht-Gleiche in der Zeit Caesars, in der Zeit des Kaisers Augustus bzw. in der Lebenszeit Christi auf den 8.Tag vor den Kalenden des Aprils (23.März) zu datieren sei: 
      ... respectu aequinoctii verni, tunc in 8.Calendas Aprilis (ut certissimis observationibus constat) incidentis. ... Nunc autem ex 10 dierum ablatione translatum est aequinoctium in 12. Calendas Aprilis, cum tempore Christi fuerit in 8. ... 
    Nun behebt man den Fehler Mercators leicht, wenn man bedenkt, daß der große Caesar nicht nur nach den Anweisungen des ägyptischen Astronomen Sosigenes "seine" Kalenderreform durchführte: der Julianische Kalender ist eigentlich das Werk des Sosigenes. 
      Sosigenes wie dessen Kalenderwerk hatte Caesar in Ägypten kennengelernt, und er befahl nach seiner Rückkehr nach Italien den Astronomen nach Rom, um durch ihn den römischen Kalender in Ordnung bringen zu lassen. Wie Macrobius in seinen SaturnalienI,14,3 berichtet, macht Caesar dann das Jahr 708 ab urbe condita = 46 v.Chr. zum annus confusionis ultimus, zum letzten Jahr der (Kalender-)Verwirrung. 
    Caesar setzt auch - und das wird offenbar für Mercators Behauptungen entscheidend -  in seinem pontifikalischen Edikt 708 a.u.c. wider alle astronomische Vernunft fest, daß für die kardinalen Punkte des Sonnenjahres weiter die Daten des alten römischen Bauernjahres (im Numajahr) zu gelten haben:
    Widderpunkt VIII. Kal. Apr.
    Krebspunkt VIII. Kal. Quint.
    Waagepunkt VIII. Kal. Oct.
    Steinbock VIII. Kal. Jan.
      Der Römische Senat änderte später zu Ehren Caesars den Quintilis in Julius, zu Ehren des großen Augustus Octavianus des Sextilis in Augustus um.
    Der 1. Januar des Jahres 45 v.Chr. - des ersten "julianischen" Jahres - fiel übrigens auf den Neumond nach dem Wintersolstitium.
    .
    Gerhard Mercator wirft also die Rechnungen des Sosigenes mit den Festsetzungen Caesars in eins: Erst das Konzil von Nicäa löste den Widerspruch zwischen Caesars (astronomisch fehlerhaften) Edikt und den astronomisch gerechtigten Daten auf, indem es den Widderpunkt auf das Frühlingsäquinoktium des Jahres 325 n.Chr. festlegte: auf den 21. März. 
    Gerhard Mercator aber folgte noch im Jahre 1584 seiner - immer wieder praktizierten - Überzeugung: 
    • Je älter die überlieferten Nachrichten sind, desto verbürgter und verbindlicher ist ihr Inhalt. 
    Und die Nachrichten a tempore Christi nati aut Julii et Augusti imperatoris sind nun einmal alt-ehrwürdige und damit für ihn "sichere" gewesen. 
  • Im Briefe von 1584 kommt also nicht der rechnende Astronom sondern der Historiker in Mercator zu Wort.

[15] Schreckliche Konjunktionen
Für das Jahr 1588 z.B. erwartete Gerhard Mercator - wie auch der Graf von Rantzau - eine Katastrophe kosmischen Ausmaßes: Am 31.10 1517 hatte Martin Luther seine Thesen in Wittenberg veröffentlicht - kaum zwei Monate nach einer wirklich Unheil verkündenden Häufung von Planeten im Zeichen der Sonne (einem stellium) - , und da sollte nach 70jähriger "babylonischer Gefangenschaft"  (Martin Luther schrieb 1520: De captivitate Babylonica ecclesiae praeludium über die unterschiedlichen "Gefangenschaften" der Kirche in der Sakramentenlehre) eigentlich eine Katastrophe zu erwarten sein.
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Die Häufung der Planeten zu diesem Zeitpunkt war wirklich "erschröcklich" (hier bezogen auf rund 51°N | 6°O [Greenwich]) :
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13.Aug.1517  [RA] zwischen 13h und 14  [DEK] Transit
Sonne 10h6m28.63s 11°40'42.4'' 13 Uhr 35
Jupiter 10h15m34.35s 11°49'53.6'' 13 Uhr 44
Venus 10h18m1.43s 12°6'13.7'' 13 Uhr 47
Merkur 10h17m39.8s 5°57'9.1'' 13 Uhr 46
Mars 11h17m55.42s 5°28'8.3'' 14 Uhr 47

 
Allerorten wurde die Planetenhäufung - das stellium - in den Praktiken auf das Jahr 1524 als Schreckensmeldung verkauft: Während es im Ludicium Astronomicum coniunctionis minoris Saturni et Iovi des Magisters Nicolaus von Shadek (Krakau 1524) noch verhalten "wissenschaftlich" zuging, zeigte Georg Lannstetter schon auf dem Titelblatt seines Libellus consolatorius, Wien 1523
 die möglichen Folgen der kommenden Planetenvielfalt in den Fischen an,
 eine Practica des Jahres 1524 ging schließlich zur Naturkatastrophe über, die aber - Gott sei Dank! - ausblieb. 


[16] prognostische Astrologie
Undzwar in der Form des Kalenderschreibens. Das Kalenderschreiben war nahezu jedem "angestellten" mathematicus aufgetragen. So hatte z.B. Peter Apian von 1523 an jährliche prognostica (Praktik) zu schreiben, die ausgehend von der Planetenkonstellation zu Beginn eines Jahres Wetter, Krieg und Krankheiten, aber auch den Ausfall der Ernten oder die günstigen und ungünstigen Zeiten von Geburt und  Aderlaß vorherzusagen hatten: Das einfältige Leben war ganz unter den Tierkreis bzw. die Planeten gestellt:
Selbst der große mathematicus Kepler mußte bei seiner Anstellung an der Grazer Stiftsschule sich verpflichten, Kalender mit Prognostiken anzufertigen. Ihm verdanken wir dann auch ein Horoskop Wallensteins.
[17] verändern
Vgl. dazu J.-B.Delambre: Histoire des l'astronomie du moyen âge, Paris 1819, 502., zitiert bei Willy Hartner, 450.

[18] abweicht
Schon Porphyrius (um 223 bis etwa 304) hatte ein System benutzt, das die Räume zwischen den Hauptachsen drittelte; der Aszendent definierte die Spitze des 1. Hauses, das Medium Coeli die Spitze des 10. Hauses. 
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Eine sehr schöne Übersicht über die heute vorfindlichen Systeme findet man bei Milan Spurek 49ff. Man vergleiche die Larousse Encyclopedia of Astrology, erst recht aber W.Koch und seine Arbeiten über die Häusersysteme.
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Das System des Campanus entsteht dadurch - die 
Häuser beginnen wie bei Porphyrius - , daß das Vertikal des Ortes vom Ostpunkt aus in 30°-Segmente aufgeteilt wird, die dann auf die Ekliptik projiziert werden. Selbst am Äquator entstehen dabei ungleiche Häuser.
Regiomontan wich darin von Campanus und Alcabitius ab, daß er den Äquator in 30°-Abschnitte einteilte und diese auf die Ekliptik projizierte. Seinen "mitteren" Weg nannte er secure ac rationabiliter, sicher und vernunftgemäß.
In seiner Diskussion des 14. Problems der Winkeltafeln verwirft er die Methode des Alcabitius genau so wie des Campanus, denn der von beiden benutzte Halbvertikal Zenit-O sei ein "imaginärer" Meßkreis, der keine astronomisch-astrologische Bedeutung habe.
John Dee diskutiert in seiner Propädeutik drei Modelle:
LXIII: sub aequatore duas praecipui admitti: in locis autem intermediis, tres: per meridianos scilicet: circulos, eclipticae longitudinem ad rectos secantes angulos: & per istos horizontales.
Am Äquator sind im wesentlichen zwei [Methoden der Einteilung der Häuser] zugelassen; in den Zwischenpositionen [zwischen den Polen und dem Äquator] im allgemeinen drei: die Methode, die sich der Einteilung mittels der Meridiane bedient [a], diejenige, bei der die [Haupt-]Kreise die Ekliptik(länge) senkrecht schneiden [b] , und die der Einteilung vermittels des Horizonts [c].
[a] Der Äquator wird vom Schnittpunkt mit dem Ortsmeridian an gedrittelt. Die Häuserspitzen entstehen durch Projektion mittels der Stundenkreise. [b] Der Äquator wird gedrittelt wie in [a], aber anstelle der Stundenkreise werden die Hauptkreise durch den Ekliptikpol zur Projektion benutzt. [c] Der Horizont wird von den kardinalen Punkten ausgehend gedrittelt; die Projektion geschieht durch die Meridiane.
Ich interpretiere die Propositio LXIII John Dee's ein wenig anders als Heilbron S.96ff., denn das von ihm zur Erklärung herangezogene Alcabitius-System basiert auf der Drittelung der Rotationszeiten, in denen (a) der ASZ zum MC bzw. (b) das IC zum ASZ gelangt. Die Projektion geschieht wiederum mit Hilfe der Stundenkreise. 
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[19] Unterstellen
Ich bin allerdings der Auffassung, daß Gerhard Mercator keine Nativitäten berechnet hat, - auch nicht nach den Winkeltafeln des Regiomontan, die nachweislich in seinem Besitz waren: Ich denke, die erforderliche kugelgeometrisch-rechnende Mathematik ist ihm fremd geblieben, - was durchaus (für mich) nicht heißt, daß er das kugel-geometrische Verfahren der Umlegung (z.B.) nicht beherrschte. Ich denke in diesem Zusammenhang z.B. an die Festlegung des Erdmagnetpols auf der Erdkugel wie auf der Weltkarte ad usum navigantium. Diese Festlegung versuchte er ja in mehrfachen Ansätzen , und ich bin - nach meinen Rekonstruktionen - davon überzeugt, daß er sie immer wieder mittels der Methode der Großkreis-Umlegung - nota bene: ohne Rechnungen - durchgeführt hat.
Als éin Indiz - u.a.- dafür, daß Gerhard Mercator keine Nativitäten - zumindest - nach Regiomontan gestellt hat, nehme ich, daß in den uns heute bekannten Texten Gerhard Mercators von der ascensio obliqua allein im astronomischen Sinne Breves in sphaeram 1563 h3ff die Rede ist: De Ascensionibus & descensionibus in sphaera obliqua: "Omnis autem tam in recta sphaera quam obliqua ascensionum descensionumque ratio pendet ab angulorum quos cum finiente facit zodiacus diuersitatem: quo enim acutiores zodiacus cum horizonte angulos facit, hoc minor aequinoctialis arcus cum contermino sibi zodiaci arcu cooritur." - wie man links sieht.


[20] Planetenkonstellation
Die Darstellung habe ich mit Hilfe des (von mir lizensierten) Planetariumsprogramms von St. Bräkling (1992) gewonnen und überarbeitet.

[21] sonstigen
Es gab Vierteljahrs(Ingressions)horoskope, Jahres(Welt)horoskope, Mond- und Sonnenhoroskope, Horoskope "bedeutsamer" Planetenkonstellationen; man befragte die Planeten bei der Entstehung (Gründung) einer Sache (Staat, Institution) oder zu Beginn eines Ereignisses. 
John Dee z.B. berechnete den Tag der Krönung Elizabeths I..
In der Medizin der Renaissance ging fast nichts ohne Horoskopie:
Gemma Frisius - der Doktor der Medizin in Löwen - befürwortete ausdrücklich den Einsatz der Iatromathematik = Anwendung der Astrologie in der Heilkunde. Zur Übersetzung des Vierbuches durch Antonius Gogava schrieb er eine durchweg positiv getönte Einleitung.
In alten Kalendern werden für den "einfachen Mann" die iatromedizinischen Beziehungen zwischen ihm, d.h. seinem Körper und dem Himmel bildlich am "Tierkreismann" dargestellt:
in der Wissenschaft, die Gregor Reich in seiner Enzylopädie Margarita Philosophica 1503 darstellte, gab es seit langem die iatromathemtischen Tabellen:
.Ptolemäus hatte sogar eine "geographische" Astrologie begründet: Im 2. und 3. Kapitel des 2. Buches des Vierbuches versucht er sich an einer Zuordnung der ihm bekannten Oikumene zum Tierkreis. Er übernahm damit offenbar alte babylonische Vorstellungen: die in vier Quadranten aufgeteilte Welt wurde im Norden von Jupiter regiert, im Süden von der Venus, im Westen vom Mars und im Osten vom Saturn. Die Breite der Säulen des Herakles stimmte mit der O-W-Linie überein ... 
Rekonstruktion nach dem Tetrabiblos:

In A Prognostication of right good effect, fructfully augmented, contayninge playne, briefe, pleasant, chosen rules, to iudge the wether for ever, by Sonne, Moone, Starres, Cometes, Raynbowe, Thunder, Cloudes .... by Leonard Digges, Gentylman, in the yeare of oure Lorde 1555 stehen nicht nur Beobachtungen der Art

Thunders in the morning signifie wynd; about Noone rayn ...
sondern auch - wie es sich für eine astrologia practica des Zeitalters gehört - Aspektinterpretationen in Hülle und Fülle - 'combust' = weniger als 16° von der Sonne entfernt - :
folio Cr  : bringeth a cloudy day
folio Cijr:
Saturn in II (Zwillinge) combust, and Occidental, drouth
Iuppiter in II combust, a good signification
Mars in II combust, Occidental, heat
Venus in II combust, Occidental, wynde
Mercurie in II, wynde
...
Als ein Kuriosum mag die Mitteilung Digges' über die kosmischen Entfernungen angesehen werden:
Erde - Mond 15570 myles
Mond - Merkur 12812 myles
Merkur - venus as many myles
Venus - Sonne 23437.1/2 myles
Sonne - Mars 15725 myles
Mars - Jupiter 78721 myles
Jupiter - Saturn  as many myles
Jupiter - Firmanent 120485 myles
summa summarum
Erde - Firmament
358283.1/2 myles

[22] Mondknoten
Die Mondbahn ist zwischen 5° und 5°18' gegen die Erdbahn geneigt. Die Schnittpunkte beider Bahnen werden 'Mondknoten' genannt.
[23] Transit-Saturn
 

[24] Relationentafel
Vergleiche z.B. Spurek 93 oder auch Agrippas Tafel der geomantischen Relationen.

[25
Die oben in Anmerkung 2 zitierte Literatur nach 1996 bestätigt meine in der (folgenden) ZUSAMMENFASSUNG vertretenen Schlußfolgerungen. 
Es ist damit beispielsweise möglich, die von Gerhard Mercator verworfene | "widerlegte" Auffassung, daß der Saturn sozusagen "von Hause aus" böse | bösartig ist, nicht nur auf das Vierbuch des Ptolemäus sondern auch konkret auf die Isagoge, d.i. der liber introducturius, des Abd al-Aziz al-Qabisi = Alcabitius zu beziehen :
Preclarum Summi in Astrorum Scientia Principis Alchabitij Opus ad scrutanda Stellarum Magisteria isagogicum pristino Candori nuperrime restitutum ab Excellentissimo Doctore Antonio de Fantis Tarvisino, qui notabilem eiusdem Auctoris Libellum de Planetarum Coniunctionibus nusquam antea impressum addidit et pleraque scitu dignissima cum castigatissimo Ioannis de Saxonia Commentario, Impressum Venetiis per Melchionis Sessam et   Petrum de Ravanis socios 1521

(nach Auswertung der "transcription of the instruction sheet", die Vanden Broecke dankenswerter Weise in Dee, Mercator, ... vorgenommen hat, mehr ...)